Seitenflügel



Seitenflügel
Im Seitenflügel gab es sowohl "private" Wohnräume als auch repräsentative Gastzimmer, einen Saal, erkennbar an seiner Größe und Ausmalung. Der Saal befand sich ab dem 16. Jahrhundert häufig im Obergeschoss. Vorher haben wir Beispiele auch aus dem Erdgeschoss (Dr. Julius-Leber-Str.18, Mengstr.40) bzw. Hochparterre (Mengstr. 60).
Von überregionaler Bedeutung ist die Ganzraumausstattung des Saales im Haus Dr.-Julius-Leber-Str. 18 mit Szenen aus Wolframs Parzival. Unter einem Fries mit Medaillons, die Parzivals Leben bis zur Übergabe des Grals in Ausschnitten abbilden, ist ein Lebensalterzyklus gesetzt, der in vierzig Bildern das Leben eines Menschen von der Geburt bis zum Tode schildert. Das literarisch anspruchsvolle Programm im Hause eines bedeutenden Bürgermeisters aus der Zeit um 1340 ist ein Beleg dafür, dass man in der Führungsgruppe der Stadt auch einen ausgeprägten Sinn für die zeittypische höfische Kultur findet. Sie ist im Falle des Parzival auch geistlich-theologisch als anspruchsvoll zu bezeichnen. Die Lübecker Parzivaldarstellung hat derzeit im deutschsprachigen Raum nur ein Gegenstück: im Konstanzer Haus zur Kunkel entstand ein Parzivalzyklus um 1320.
Im frühen 14. Jahrhundert gab es daneben auch höchst qualitätvolle figürliche Ausmalungen mit sonst in Kirchenräumen weit verbreiteter Thematik, z. B. eine Marienkrönung in der Mengstraße 40 oder im Obergeschoss der Königstraße 28 eine Madonna in einer Nische. Etwas jünger, schon gegen 1400, ist die Nischenausmalung in der Glockengießerstraße 33 mit Passionsszenen.
Aus dem 14. und 15. Jahrhundert lassen sich in Seitenflügelräumen, Erdgeschoss oder Obergeschoss, auch Beispiele für eine eher dekorative Ausmalung mit Fadenranken und Blüten oder Quadern benennen, so z. B. Ranken in der Mühlenstr. 66, Quader im Koberg 2 sowie Ranken im Obergeschoss von Königstraße 49. Aus der Zeit vor und nach 1500 existieren sehr charakteristische Wandmalereien: phantasievolle grüne Ranken überwuchern geradezu den Raum, darin versprengt einzelne Figuren, so die Einhornjagd in der Königstraße 28 oder die Wurzel-Jesse in der Mengstraße 60.
Im 16. Jahrhundert gibt es programmatische und teilweise gelehrte Bilder im Seitenflügel. Die Erschaffung der Welt in der Wahmstraße 33 und die Geschichte Josefs in der Hüxstraße 32 benutzten Vorlagen aus den Bibelillustrationen des Virgil Solis um 1565. Schließlich finden wir eine Reihe von Prophezeiungen aus dem Alten Testament in der Dr.-Julius-Leber-Str. 25.
Siehe auch Ausmalungen an Wänden und Decken in einzelnen Raumtypen.
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